- – – AKF Kaiserschnitt-Kampagne – – -

Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V.

26. Oktober 2012
von AKF
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Kaiserschnitt-Kampagne

Berlin, den 26. Juni 2012

In Deutschland kommt jedes dritte Kind durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. – Es ist höchste Zeit, die Kaiserschnittrate zu senken.

Kampagne zur Senkung der Kaiserschnittrate in Deutschland

- Aufruf zur Unterstützung –

In Deutschland sind im Jahr 2010 31,9 % der Kinder durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Regionale Schwankungen liegen zwischen 15 % und 36,6 % und sind medizinisch nicht erklärbar. [1] 1991 lag die Rate noch unter 15 %. Diese Entwicklung ist weltweit zu beobachten. An der Spitze steht aktuell China mit 46 %. [2] Unzweifelhaft ist der Kaiserschnitt eine lebensrettende Option aus mütterlicher oder kindlicher Indikation. Moderne Operations-, Anästhesie- und Therapieverfahren haben dazu geführt, dass Frauen auch bei Regelwidrigkeiten sicher entbunden werden können und erheblich weniger Einschränkungen hinnehmen müssen als früher. Was in Notfallsituationen wertvoll ist, darf

jedoch nicht zur Routine werden, sonst verkehren sich Vorteile in Nachteile und ein rettender Eingriff wird zur riskanten Operation.

Zu viele Kaiserschnitte sind strukturell, organisatorisch oder ökonomisch statt medizinisch begründet. Die Häufigkeit, mit der derzeitig Kaiserschnitte durchgeführt werden, ist aus Sicht der WHO und anderer Fachleute [3] medizinisch und ethisch nicht gerechtfertigt. Diese Bedenken teilt der Runde Tisch des AKF „Lebensphase Eltern werden“. Es sind strukturelle, organisatorische und ökonomische Gründe, die die Entscheidung für einen Kaiserschnitt begünstigen. Legitimiert wird diese jedoch in der Regel mit einer sogenannten relativen („weichen“) medizinischen  Indikation.

Heute erlaubt die personelle Besetzung im Kreißsaal meist keine kontinuierliche Betreuung der Gebärenden durch die Hebamme, die die Schwangere stärkt und Zeit gibt für die natürlichen Abläufe. Stattdessen wird Zeitdruck aufgebaut und eine Interventionskette initiiert, die die Geburt verkürzen soll. Häufig sind Kaiserschnitte das Resultat voreiliger Geburtseinleitungen und anderer Eingriffe in den natürlichen Geburtsablauf. [4]

Vielen routinemäßigen Anwendungen fehlt zudem die Evidenz. Ein Beispiel hierfür ist die kontinuierliche Herztonüberwachung (CTG). In 50 % der Fälle ist die Interpretation des CTGs zur Diagnostik eines fetalen

Gefährdungszustands falsch. [5]

Ernst zu nehmen sind auch Hinweise auf erhöhte Kaiserschnittraten nach einer Epiduralanästhesie. [6] Aus betriebswirtschaftlicher Sicht besteht kein Anreiz, Vaginalgeburten zu fördern und Kaiserschnitte zu vermeiden. Die Kliniken müssen eine teure Infrastruktur für die Geburtshilfe vorhalten. Die Vergütung für die Betreuung einer normalen Geburt reicht nicht aus, um die Kosten auszugleichen. Nach Niino ist in Lateinamerika festgestellt worden, dass in

Privatkliniken deutlich höhere Kaiserschnittraten vorliegen und dass eine höhere Vergütung von Kaiserschnitten umgehend zu einem Anstieg der Operationszahlen geführt hat, ohne dass die Gesundheit von Mutter und Kind sich verbessert hätte. [7] Europäische Daten liegen hierzu nicht vor.

Ein weiteres Problem ist die haftungsrechtliche Situation, die den GeburtshelferInnen häufig nicht gestattet, nach medizinisch-fachlichen Kriterien zu entscheiden, sondern sie nötigt, eine Defensivmedizin zu betreiben, in der sie mit dem Kaiserschnitt nach bisheriger Rechtsprechung „immer auf der sicheren Seite“ sind. Fatalerweise wird diese Art forensischer Absicherung auch von vielen Beteiligten, insbesondere von werdenden Eltern, als medizinisch-fachliche Sicherheit fehlgedeutet. Ein Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation ist mit höheren Risiken verbunden als

eine Vaginalgeburt und keineswegs sicherer für Mutter und Kind. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Untersuchungen die kurz- und langfristigen Folgen eines Kaiserschnitts herausgestellt.[8]

Diese beziehen sich:

  1. auf den Körper der Frau: Narkose- und Thromboserisiken, Blutverlust, Schmerzen, eingeschränkte Stillfähigkeit, Infektionen, Wundheilungsstörungen und Verwachsungen,
  2. auf die Psyche der Mutter: Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen,
  3. auf Folgeschwangerschaften: regelwidriger Plazentasitz mit stark erhöhtem Risiko für Müttersterblichkeit,
  4. auf das Kind: Anpassungsstörungen, häufigere nachgeburtliche Einweisung in die Intensivstation, Asthma, Diabetes, Adipositas im Kindergartenalter, möglicherweise auch Autoimmunerkrankungen,
  5. auf die Mutter-Kind-Beziehung: Bindungsprobleme.

Kaiserschnitte ohne medizinische Indikation mit dem Selbstbestimmungsrecht von Frauen zu begründen, ist meistens zu kurz gegriffen. Hinter einer sogenannten „Wunschsectio“ verbirgt sich oft genug eine unheilsame Koalition zwischen ärztlicher Präferenz und unzureichendem Wissensstand der Frauen. 86 % der Frauen geben nach einem Kaiserschnitt an, die Folgen des Eingriffs unterschätzt zu haben. [9] Die WHO fordert, die Anzahl von Kaiserschnitten zu begrenzen und kritisiert die verharmlosende Darstellung von Kaiserschnitten ohne medizinische Indikation.[10]

Die WHO fordert z.B.

  • die Entwicklung von evidenzbasierten Leitlinien,
  • die Evaluierung geburtshilflicher Maßnahmen (z.B. Geburtseinleitungen),
  • die Empfehlungen zur Betreuung bei normaler Geburt umzusetzen, d.h. zum Beispiel eine 1:1-Betreuung für alle Gebärenden und
  • die generelle Veröffentlichung der Kaiserschnittraten von Kliniken.

In Deutschland existiert eine S1-Leitlinie zu Kaiserschnitt-Indikationen aus dem Jahre 2008. Sie genügt weder von der Zusammensetzung der AutorInnengruppe noch von der Aktualität und Vollständigkeit der Datenbasis den Ansprüchen einer evidenzbasierten Medizin. In Großbritannien beispielsweise hat das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) neue Guidelines entwickelt. Der Indikationskatalog für Kaiserschnitte wurde der aktuellen Datenlage angepasst. So wurde Frauen, die bereits einen oder mehrere Kaiserschnitte hatten, empfohlen, sich für eine vaginale Geburt zu entscheiden, da das Komplikationsrisiko bei einem nachfolgenden Kaiserschnitt genauso hoch ist wie bei einer

vaginalen Geburt. Die Hebammenbetreuung nimmt in der Veränderung der Rahmenbedingungen eine Schlüsselposition ein. ExpertInnen sehen Hebammen durch ihre kontinuierliche Begleitung und Betreuung der schwangeren Frauen in einer Schlüsselposition zur Veränderung der Rahmenbedingungen.[11] Hebammen könnten sowohl die physiologischen und psychologischen als auch die psychosozialen Bedürfnisse der schwangeren Frau und ihres Partners fokussieren und dadurch die beste Unterstützung in dieser Lebensphase gewährleisten.[12] Es sind bereits wissenschaftliche Nachweise für Maßnahmen erbracht worden, die tatsächlich die Kaiserschnittraten senken. [13]

Die UnterzeichnerInnen fordern auf dieser Basis folgende strukturelle Veränderungen:

  • die Förderung der Schwangerenbetreuung durch ein Team von Hebamme und FrauenärztIn,
  • die Anwendung von bereits existierenden guten Konzepten zur Geburtsvorbereitung für werdende Eltern,
  • Anreize für eine 1:1 Betreuung unter der Geburt,
  • die flächendeckende Einrichtung von Hebammenkreißsälen,
  • die verbesserte Zusammenarbeit zwischen ÄrztInnen und Hebammen ambulant und stationär,
  • einen Schwerpunkt „natürliche Geburt“ im Studium und in der Facharztweiterbildung sowie Festlegung einer Anzahl an zu beobachtenden physiologischen Geburten,
  • die verpflichtende Etablierung von klinikinternen Fallkonferenzen unter Einbeziehung von GynäkologInnen und Hebammen,
  • die Förderung wissenschaftlicher Evaluierung von geburtshilflichen Verfahrensweisen,
  • die Erarbeitung von Konzepten, die Anreize schaffen, Kliniken zu einer Veränderung der bestehenden Praxis zu bewegen, z.B. Qualitätskontrollen mit nachfolgender Beratung der Krankenhäuser mit überhöhter Kaiserschnittrate,
  • die Information der werdenden Eltern über unabhängige Beratungsangebote bezüglich Kaiserschnitt und den Folgewirkungen.

Mit der Einführung und Förderung der beschriebenen Praktiken wird eine grundlegende, nachhaltige Veränderung der momentanen Verhältnisse in die Wege geleitet. Damit werden Voraussetzungen für einen Rückgang der Anzahl der Kaiserschnitte geschaffen.

Der Geburtsvorgang ist von elementarer Bedeutung für neugeborene Kinder, werdende Mütter, Väter, Familien und für die Gesellschaft. Frauen verdienen in der einzigartigen Lebensphase von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett Wertschätzung, Zuwendung, Ruhe, Unterstützung und Schutz. Ein Kaiserschnitt ist ein medizinischer Eingriff, der Leben retten kann, wenn er indiziert ist, und der Geburtsrisiken reduzieren kann. Ohne eindeutige medizinische Indikation ist er ein Eingriff mit hohem Schadenspotential.

Deswegen rufen wir auf zu einem Bündnis zur Senkung der Kaiserschnittrate in Deutschland.

Schließen Sie sich durch Ihre Unterschrift unserer Kampagne an und leiten Sie unseren Aufruf an andere Organisationen und Einzelpersonen weiter. Darüber hinaus laden wir Sie ein, Ihr Fachwissen, Ihre Erfahrungen und Ihre Ideen einzubringen und sich an weiteren Aktivitäten zu beteiligen. Nur gemeinsam können wir erreichen, dass die Zahl der Kaiserschnitte wieder auf das medizinisch notwendige Maß sinkt.

Kontaktadresse:

Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF)

Sigmaringer Str. 1

10713 Berlin

Tel.: 030-863 93 316

Fax: 030-863 93 473

E-Mail: buero@akf-info.de

Internet: www.akf-info.de

Initiatorinnen der Kampagne sind die Teilnehmerinnen des Runden Tisches des AKF „Lebensphase Eltern werden“:

Dr. Edith Bauer, Gynäkologin

Juliane Beck, Expertin für Patientinnenrechte, Juristin;

Dr. Maria Beckermann, Gynäkologin, Autorin, 1. Vorsitzende des AKF;

Karin Bergdoll, Dipl. Päd., Gesundheitspolitikerin, 2. Vorsitzende des AKF;

Dr. Barbara Ehret, Gynäkologin, Autorin;

Colette Mergeay, Psychologin;

Petra Otto, Dipl. Päd., Redakteurin;

Ute Höfer Hebamme, Ernährungsberaterin, Vorstand AKF;

Dr. Gabi Götsching-Krusche, Gynäkologin;

Dr. Katharina Lüdemann, Gynäkologin, ltd. Oberärztin Geburtshilfe;

Ulrike Hauffe, Landesbeauftragte für Frauen des Landes Bremen, Psychologin;

Barbara Reuhl, Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik;

Susanne Steppat und Katharina Jeschke, Hebammen, Deutscher Hebammenverband (DHV);

Dr. Karin von Moeller, Gesundheitswissenschaftlerin, Universität Osnabrück;

Anke Wiemer, Hebamme, Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG);

Sabine Striebich, Hebamme, Studentin der DMP, Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft;

Dr. Christine Loytved, Hebamme, Gesundheitswissenschaftlerin, Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi).

Quellen:

1 Stat. Bundesamt, Lutz

2 Souza, Lumbinganon 2010

3 vgl. Betrán et al 2007; Niino 2011; Stjernholm, Petersson und Eneroth 2010; Wagner M 2000

4 vgl. Niino 2011

5 vgl. Niino 2011

6 vgl. Niino 2011

7 vgl. Niino 2011, 141

8 vgl. Lutz, GEK Kaiserschnittstudie 2006; Niino 2011; Souza 2010; Villar et al 2007, Huh et al. 2012

9 vgl. Lutz 2006

10 vgl. Souza 2010; WHO 2010

11 vgl. Hodnett et al. 2011, Wagner 2001, WHO 2002

12 Niino 2011; WHO 2000

13 Catling-Paull et al. 2011; Scarella 2010; Van Dillen et al 2008, Chaillet / Dumont 2007, Niino 2011

Literatur

Betrán AP, Merialdi M, Lauer JA, Bing-Shun W, Thomas J, Van Look P, Wagner M: Rates of caesarean section: analysis of global, regional and national estimates.In: Paediatric and Perinatal Epidemiology 2007; 21: 98–113

Catling-Paull C, Johnston R, Ryan C, Foureur M, Homer C (2011): Non-clinical interventions that increase the uptake and success of vaginal birth after caesarean section: a systematic review. In: Journal of advanced Nursing 67(8),

1662–1676

Caughey A, Sundaram V, Kaimal AJ, Gienger A, Cheng Y, McDonald K, Shaffer B, Owens D, Bravata D: Systematic Review: Elective Induction of Labor Versus Expectant Management of Pregnancy. In: Ann Intern Med. 2009; 151:252-263

Chaillet N, Dumont A (2007): Evidence-Based Strategies for Reducing Cesarean Section Rates: A Meta-Analysis. In: Birth 34:1; 53

Hodnett ED, Gates S, Hofmeyr GJ, Sakala C, Weston J. Continuous support for women during childbirth. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 2. Art. No.: CD003766

Huh S Y, Rifas-Shiman S L, Zera C A, Rich Edwards J W, Oken E., Weiss S T, Gillman M W: Delivery by ceasarean section and risk of obesity in pre-school age: a prospective cohort study. In: British Medical Journal 2012

Lumbiganon, Pisake, Laopaiboon, Malinee, Gülmezoglu, metin, Souza, Joao Paulo et al.: Method of delivery and pregnancy outcomes in Asia: the WHO global survey on maternal and perinatal health 2007-08, The Lancet 2010; 375(9713): 490-99

Lutz, Ulrike, Kolip, Petra, Die GEK-Kaiserschnitt-Studie (2006),

http://www.ipp.uni-bremen.de/downloads/abteilung2/projekte/GEK_Kaiserschnittstudie.pdf

NICE (National Institute for Health and clinical Excellence) ( 2012): Women could avoid having unnecessary casareans http://www.nice.org.uk/news/WomenCouldAvoidHavingUnnecessaryCaesarean.jsp [Abruf 3.4.2012]

Niino, Y: The increasing caesarean rate globally and what we ca do about it. In: BioScience Trends 2011; 5(4): 139-150

Scarella A, Chamy V, Sepúlveda M, Belizán J (2011): Medical audit using the Ten Group Classification System and its impact on the cesarean section rate. In: European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology 154 (2010) 136–140

Souza JP et al.: Caesarean section without medical indications is associated with an increased risk of  adverse shortterm maternal outcomes: the 2004–2008 WHO Global Survey on Maternal and Perinatal Health. In: BMC Medicine, 2010; 8 (1):71

StjernholmY, Petersson K, Eneroth E: Changed indications for cesarean sections. In: Acta Obstetricia et Gynecologica. 2010; 89: 49–53

Van Dillen J, Lim F, Van Rijssel E: Introducing caesarean section audit in a regional teaching hospital in The Netherlands. In: European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology 139. 2008; 151–156

Villar J, Carroli G, Zavaleta N, Donner A, Wojdyla D, Faundes A, Velazko A, Bataglia V, Langer A, Narváez A, Valladares E, Shah A, Campodónico L, Romero M, Reynoso S, Simônia de Padua K, Giordano D, Kublickas M, Acosta A , Survey on Maternal and Perinatal Health Research Group: Maternal and neonatal individual risks and benefits associated with caesarean delivery: multicentre prospective study. In: BMJ 2007; 335; 1025

Wagner M: Choosing caesarean section. In: Lancet 2000; 356: 1677–80

Wagner M: Fish can’t see water: the need to humanize birth. In: International Journal of Gynecology & Obstetrics 2001; 75: 25-37

WHO (2000): Erklärung von München – Pflegende und Hebammen – ein Plus für Gesundheit.

http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0008/53855/E93016G.pdf am 16.5.2012 [Abruf 16.5.2012]

WHO (2002): Strategic Directions for Strengthening Nursing and Midwifery Services.

http://whqlibdoc.who.int/publications/2002/924156217X.pdf [Abruf 16.5.2012]

WHO (2009): Making pregnancy safer – Assessment tool fort he quality of hospital care for mothers and newborn babies. 47- 50. http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0008/98792/E93128.pdf [Abruf 16.5.2012]

WHO Policy brief (2010): Caesarean section without medical indication increases risk of short-term adverse outcomes for mothers. http://whqlibdoc.who.int/hq/2010/WHO_RHR_HRP_10.20_eng.pdf [Abruf 16.5.2012]

19. Juni 2016
von AKF
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Die Kaiserschnittrate sinkt: Bremer Bündnis zur Unterstützung der natürlichen Geburt vermeldet ersten Erfolg

Text: Pressemeldung www.frauen.bremen.de

Land Bremen: Die Kaiserschnittrate in Bremen ist in den vergangenen drei Jahren um 2,7 Prozent gesunken. Diesen Erfolg vermeldet das Bremer Bündnis zur Unterstützung der natürlichen Geburt und rechnet auch in Zukunft mit weniger Kaiserschnitten.
Laut Statistischem Landesamt lag die Rate der per Kaiserschnitt zur Welt gekommenen Kinder im Land Bremen 2012 bei 33,2 Prozent und ist seither rückläufig, 2015 lag sie bei 30,5 Prozent. Das Bremer Bündnis, ein vom Gesundheitsressort und der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) initiierter Zusammenschluss von Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen, Kinderärztinnen – und -ärzten sowie Krankenkassen hatte seit Anfang 2013 daran gearbeitet, die Ursachen für die hohe Rate von Kaiserschnittgeburten zu analysieren und anzugehen. Das engagierte und interdisziplinäre Miteinander aller in der Geburtshilfe Beteiligten hat offenkundig von Beginn an für eine erhöhte Sensibilität gegenüber eingefahrenen Abläufen gesorgt und so dazu beigetragen, dass der ein oder andere Kaiserschnitt doch nicht gemacht wurde und die natürliche Geburt noch eine Chance bekam – zum Wohl von Mutter und Kind.

Bei ihrer Auswertung der Zahlen haben die Bündnis-Beteiligten festgestellt, dass viele Frauen nach einem ersten Kaiserschnitt beim nächsten Kind wieder per Kaiserschnitt ihr Kind bekommen, obwohl es dafür häufig keinen medizinischen Grund gibt. Das Bündnis appelliert daher an die niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen, schwangere Frauen, die schon einen Kaiserschnitt hatten, aktiv zu einer natürlichen Geburt zu ermutigen. Damit kann die Kaiserschnittrate weiter gesenkt werden.

Jedes 3. Kind per Kaiserschnitt geboren – höchste Zeit zu handeln

Die Idee für das Bündnis war vor dem Hintergrund stetig steigender Kaiserschnittzahlen entstanden. Im Jahr 2010 war jedes dritte Kind im Land Bremen durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Damit lag Bremen im Bundesdurchschnitt, der sich seither kaum geändert hat (Kaiserschnittrate 2010 bundesweit: 31,9 Prozent, 2014: 31,8 Prozent). Betrachtet man die Entwicklung der Kaiserschnittrate in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland insgesamt, so hat sich die Rate mehr als verdoppelt (1991: 15,3 % Kaiserschnitte).
Konsens und Ziel des Bündnisses ist, Schwangerschaft und Geburt als natürliche Lebensprozesse zu sehen und Frauen in ihrer Fähigkeit zu gebären besser zu unterstützen. Natürlich können Kaiserschnitte bei Risiken und ungünstigen Geburtsverläufen lebensrettend sein, gleichwohl können sie ein Krankheitsrisiko sowohl für die Gebärende als auch für das Neugeborene bergen. Dieses Risiko sollte nur dann eingegangen werden, wenn der Nutzen absehbar überwiegt. Gemeinsam hatte das Bündnis für den Bereich der Betreuung in der Schwangerschaft und Geburt zentrale Empfehlungen herausgegeben, die den Schwerpunkt auf die Stärkung normaler Prozesse setzen. Diese Empfehlungen fokussieren auf die bessere Zusammenarbeit und gemeinsame Fortbildungen aller beteiligten Berufsgruppen, auf eine gute ergebnisoffene Information der Frauen und Paare zu Geburtsort und Geburtsart sowie die Verbesserung der Rahmenbedingungen der Bremer Geburtshilfe.

Weitere Informationen zum Bremer Bündnis: www.natuerlichegeburt.net

Statements der Bündnispartnerinnen und -partner

Landesfrauenbeauftragte Ulrike Hauffe:

„In der Geburtshilfe in Deutschland gibt es viele Baustellen und es ist lang noch nicht alles gut, insbesondere die durch die Haftpflichtfrage finanziell existenzielle Situation der freiberuflichen Hebammen und damit auch die zunehmende Überlastung der Klinik-Hebammen erfordern unverändert politische Regelungen – aber dass es uns hier in Bremen gelungen ist, eine weitere Großbaustelle, die hohen Kaiserschnittraten, erfolgreich anzugehen, macht mich sehr froh. Die natürliche Geburt muss erste Wahl sein, wenn wir das Wohl von Mutter und Kind im Auge haben, und wir sollten unverändert alles dafür tun, Frauen in ihrer Fähigkeit zu unterstützen, ihr Kind natürlich zur Welt zu bringen. Dass hier die Vertreterinnen und Vertreter der verschiedensten Professionen alle Dissense überwunden haben und gemeinsam für dieses eine Ziel eintreten, ist über die bloßen Zahlen hinweg ein wirklich großer Erfolg.“
Gesundheitssenatorin Prof. Dr. Eva Quante-Brandt:

„Schon seit dem Start des Bündnisses und seiner Arbeitsaufnahme in den Kliniken wurden weniger Kaiserschnitte durchgeführt. Das werte ich als unmittelbaren Erfolg unserer Initiative. Ich gehe fest davon aus, dass die Rate weiter zurückgeht. Das Bremer Bündnis für die natürliche Geburt war bundesweit das erste seiner Art, inzwischen gibt es ähnliche Initiativen in vielen Ländern und Kommunen. Wenn dieses interdisziplinäre und gemeinsame Engagement nun Wirkung zeigt, die bislang hohe Schnittraten zu senken, können die Bündnis-Beteiligten sehr stolz auf ihre Arbeit sein.“

Dr. Torsten Frambach, Chefarzt der Frauenklinik des St. Joseph-Stift:

„Die bereits gute Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Berufsgruppen wurde durch das Bündnis weiter gestärkt. Eine intensive Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung hat zur Senkung der Kaiserschnittrate beigetragen. Für den weiteren Erfolg ist eine 1:1 Betreuung durch Hebammen unter der Geburt dringend erforderlich. Für die Umsetzung braucht das Bündnis auch weiterhin politische Unterstützung auf allen Ebenen.“

Heike Schiffling, 1. Vorsitzende Hebammenlandesverband Bremen e.V.:

„Die gemeinsame Arbeit zeigt erste Erfolge. Der Trend der immer steigenden Kaiserschnittraten ist im Bundesland Bremen gestoppt. Um nachhaltig natürliche Geburten zu fördern, benötigen wir ergänzende Betreuungskonzepte und mehr Zeit für die Gebärenden.”
Dr. Elisabeth Holthaus-Hesse, niedergelassene Frauenärztin: „Gerade wir niedergelassenen Frauenärztinnen / Ärzte sollten Frauen, die beim ersten Kind einen Kaiserschnitt hatten, ermutigen, eine natürliche Geburt in einer Folgeschwangerschaft anzustreben. Medizinisch vertretbar ist das sicherlich in der Mehrzahl der Fälle.”

Imke Helmke, leitende Hebamme im Klinikum Bremen-Nord:

„Wenn wir Frauen in ihrer Fähigkeit zu gebären stärken wollen, müssen wir (Ärztinnen, Ärzte und Hebammen) auch Sorge dafür tragen, unser Wissen und unsere Fähigkeiten zu erhalten und zu verbessern. In diesem Sinne soll die Zusammenarbeit zwischen den Häusern durch Bildung von Beckenendlagen- Teams intensiviert werden. Unser Ziel ist es, eine klinikübergreifende Betreuung von Frauen, die ihr Kind aus Beckenendlage gebären wollen, zu gewährleisten.“

22. Februar 2015
von AKF
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Austellungseröffnung „Kaiserschnitt – goldener Schnitt?“ in Berlin

FPZ_BerlinDas Familienplanungszentrum in Berlin (FPZ) lädt am 4. März 2015 sehr herzlich zur Ausstellungseröffnung „Kaiserschnitt – goldener Schnitt?“ ein. Mit der Unterstützung des „Verbands der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer“ (GEDOK e.V.) und des „Arbeitskreises für Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft“ (AKF e.V.) konnten wir diese großartige Bilderkollektion für das FPZ gewinnen.

28 Künstlerinnen haben sich bundesweit zusammengeschlossen und eine beeindruckende Zusammenstellung von kräftigen Bildern mit sehr vielfältigen Stilen und Perspektiven zur Geburt und Schwangerschaft aufgestellt.

Wir laden ganz herzlich ein, bei der Ausstellungseröffnung dabei zu sein. Das FPZ öffnet seine Räumlichkeiten für einen eindrucksvollen Rundgang. Zum Rahmenprogramm gehören zwei kurze Vorträge des AKF e.V. (Karin Bergdoll) sowie der GEDOK e.V. (Monika Hahn), um den Hintergrund der zum Kaiserschnitt kritischen Kampagne durch Kunst zu verdeutlichen. Hinzu kommt das Statement des FPZ durch Dr. Gabriele Halder, alles mit einer wundervoll harmonischen musikalischen Begleitung durch das “Trio Pustefisch Swingbop’ers”.

Die Ausstellung ist bis zum 28. August 2015 innerhalb der Öffnungszeiten des FPZ zu sehen.

Familienplanungszentrum – BALANCE
Mauritiuskirchstraße 3
10365 Berlin

Tel: 030 / 236 236 841
www.fpz-berlin.de

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Einladungskarte
Ausstellungsplakat
Liste der Ausstellerinnen

 

4. Februar 2015
von AKF
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Keine Geburt von der Stange! Für eine frauen- und familiengerechte Geburtshilfe!

KEINE_Geburt_von_der_StangeStellungnahme des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF)

Zum Antrag
der Fraktion der FDP im Landtag NRW
Drucksache 16/5288 vom 18. 03. 2014
Zukunft der Geburtshilfe, der Vor-und Nachsorge für Mütter sowie ergänzende und unterstützende Angebote
für Eltern und Familien durch Hebammen sichern – Wahlfreiheit für werdende Mütter erhalten

Keine Geburt von der Stange!
Für eine frauen- und familiengerechte Geburtshilfe!
 

Frauen haben die Fähigkeit, Kinder zu gebären und nur in einer Minderzahl der Fälle benötigen sie medizinische Interventionen. Der Verlauf einer Geburt ist höchst individuell und braucht Ruhe, Zeit und Vertrauen.

Unter den Bedingungen einer zunehmenden Ökonomisierung unseres Gesundheitswesens treten  jedoch diese Voraussetzungen zugunsten von Planbarkeit, Zeitersparnis, optimaler Auslastung der vorhandenen Resourcen und – nicht zuletzt – juristischer Absicherung in den Hintergrund. Die Geburt ist heute, so beschreibt es Colette Mergay “zum durchgeplanten, durchkontrollierten, weil risikoreichen Herstellungsvorgang und aus der Schwangerschaft ein angstbesetzter Hindernislauf bis zur Geburt geworden.“[1]

Die Verdoppelung der Kaiserschnittrate auf über 30% der Geburten in den vergangenen 20 Jahren ist in diesem Zusammenhang zu sehen. (In NRW lag die Kaiserschnittrate im Jahr 2013 mit 33,1% noch über dem bundesweiten Durchschnitt von 31,8%)[2].

Derzeit wird vielfach der Kaiserschnitt als der sicherste Geburtsmodus angesehen, mögliche negative Auswirkungen eines Kaiserschnittes auf die Gesundheit der Mutter, des Kindes und den Verlauf späterer Schwangerschaften  zu Unrecht völlig ausgeblendet: so zum Beispiel Komplikationen bei der Mutter durch die Operation Kaiserschnitt, mögliche gesundheitliche Auswirkungen auf das Kind wie Allergie- und Diabetesneigung, mögliche soziale Folgen durch ein erschwertes Bonding. Die finanziellen Auswirkungen dieser Folgen sind nicht errechnet und gehen in keine Kostenkalkulation mit ein. …

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Download Volltext der vollständigen Stellungnahme (pdf)

[1] Einstiegsreferat zum Fachtag des AKF-Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin Psychotherapie und Gesellschaft e.V. „Zeit zu handeln: die Kaiserschnittrate senken – die normale Geburt fördern“ am 1.7.2014

http://www.akf-info.de/uploads/media/Colette_Mergeay.pdf,

[2] https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Krankenhaeuser/Entbindungen_Presse.html (Zugriff 27.1.2015)

12. Januar 2015
von AKF
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Pressemitteilung GEDOK – Ausstellung “Kaiserschnitt – Goldener Schnitt?” Geburt – Leben – Erleben

kaiserschnitt-205x300“Kaiserschnitt – Goldener Schnitt?”, so lautet der Titel einer Ausstellung, die von der Bundes-GEDOK (Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V.) und dem Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF e.V.) ausgeschrieben und kuratiert wurde und die nun auf Wanderung geht.

Wie kommen Kinder heutzutage auf die Welt?

  • Was bedeutet die Geburt eines Kindes für Mutter und Kind?
  • Welchen Sinn hat Geburt?
  • Wer nimmt Einfluss auf das Geburtsgeschehen?
  • Wie selbstbestimmt sind werdende Eltern?

Mit diesen und ähnlichen Themen setzen sich die Künstlerinnen in ihren Kunstwerken auseinander.

Ausstellende Künstlerinnen sind:

Carolin Beyer, Hamburg

Anna Broermann, Berlin

Karin Gralki, Berlin

Heike Gronemann-Evers, Berlin

Monika Hahn, Hamburg

Gundi Hakenjos, Freiburg

Sibylle Hauswaldt, Hamburg

Mariola Maria Hornung, Bonn

Gabriele Kaiser-Schanz, Essen

Emese Kazar, Bremen

Petra Lindenmeyer, Heidelberg

Brigitte Lingertat, Berlin

MAMU – Anna Rossipaul, Neuenhaus

Hertha Miessner, München

Christiane Miklusz, Berlin

Anastasiya Nesterova, Münster

Rita Oerters, Emden

Andrea Rausch, Hamburg

Ulrike Rosenbach, Bonn

Helga Santel, Leverkusen

Ute Scharrer Hersbruck, Franken

Katharina Schellenberger, München

Gertrud Schleising, Bremen

Claudia Speer, Berlin

Brigitte Stein, Frankfurt

Julia Ulrich, Dorfprozelten

Die Ausstellung zeigt den Zusammenhang von biologischer und geistig-künstlerischer Schöpferkraft und macht deutlich, dass Geboren werden und Gebären mehr sind als ein medizinischer Eingriff, ein Produktionsprozess oder gar mediales Event. Sie soll zu Diskussionen und Nachdenken über den existenziellen Sinn des Gebärens und die Kraft der Frauen anregen und das öffentliche Bewusstsein für beides schärfen.

Erste Station der Ausstellung ist das Ev. Amelie-Siveking Krankenhaus.

Adresse: Haselkamp 33, 22359 Hamburg

Vernissage: 08.01.2015 um 18 Uhr

Die Ausstellung ist dort bis zum 25.2.2015 zu sehen.

9. Januar 2015
von AKF
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Pressemeldung vom 1. Ausstellungsort unserer Ausstellung zum Kaiserschnitt: „Kaiserschnitt – goldener Schnitt?“

Pressemeldung vom 1. Ausstellungsort unserer Ausstellung zum Kaiserschnitt:

Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus

Kaiserschnitt – goldener Schnitt?“ Bundesweite Ausstellung setzt sich kritisch mit hoher Kaiserschnittrate auseinander

„Kaiserschnitt – Goldener Schnitt?“, so lautet die bundesweite Kunstausstellung, die sich kritisch mit der hohen Kaiserschnittrate in Deutschland auseinandersetzt und heute im Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus in Hamburg-Volksdorf eröffnet wird. 26 Künstlerinnen stellen ihren persönlichen Blick auf das Erlebnis Geburt dar und zeigen anhand ihrer Werke, welche Wirkung die Geburt auf sie selbst und ihr künstlerisches Schaffen hat.

 Verdopplung der Kaiserschnittrate in den vergangenen 20 Jahren

In Deutschland kommt mittlerweile jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt – die Kaiserschnittrate hat sich damit in den vergangenen 17 Jahren von 15,3% (1991) auf 31,9 % (2010)  mehr als verdoppelt. Unbestritten ist dabei, dass der Kaiserschnitt dann geboten ist, wenn zwingende medizinische Gründe vorliegen – also, wenn die Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet sind. Das aber sei nur bei ca. 15% der Geburten der Fall, sagt Dr. Wolf Lütje, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Geburtshilfe und Gynäkologie (DGPFG): „Mit dem Kaiserschnitt bekommen Mutter und Kind einen ‚Notausstieg‘ , aber mit Sicherheit keinen Hauptausgang bei der Geburt geboten. Für eine natürliche Geburt gibt es in den meisten Fällen keine wirkliche Alternative“. So würden etwa Studien belegen, dass Kaiserschnitt-Kinder z.B. öfter an Allergien litten als natürlich geborene Babys. Aber auch für die Mutter berge der operative Eingriff Risiken. „Es handelt sich beim Kaiserschnitt um eine Operation, das wird leider nicht selten verdrängt,“ so Lütje weiter.

Vielfältige Gründe

Die deutliche Zunahme der Kaiserschnittrate in den vergangenen Jahren lässt sich laut „Faktencheck Kaiserschnitt“ der Bertelsmann-Stiftung (www. kaiserschnitt.faktencheck-gesundheit.de) vor allem auf die geänderte Bewertung sog. relativer Indikationen zurückführen, bei denen ein Kaiserschnitt durchgeführt werden kann, aber nicht zwingend durchgeführt werden muss – etwa bei einer sog. Beckenendlage oder bei einer vorangegangenen Entbindung per Sectio-OP. Die veränderte Risikobewertung sei unter anderem begründet durch eine defensiver ausgerichtete Geburtshilfe, haftungsrechtliche Entwicklungen, Veränderungen in der Klinikorganisation und die abnehmende Erfahrung der Geburtshelfer in der Betreuung komplizierterer Spontangeburten, so die Studie, die gemeinsam von Professorin Petra Kolip von der Universität Bielefeld sowie dem IGES Institut in Berlin durchgeführt wurde.  Das Alter der Gebärenden spiele dagegen kaum eine Rolle, wohl aber gebe es bezüglich der Kaiserschnittraten große regionale Unterschiede. Dr. Lütje nennt als weiteren gewichtigen Grund die Angst werdender Mütter vor der Geburt, auf die eingegangen werden müsse, ohne sogleich auf den Kaiserschnitt als vermeintlich einfachen Ausweg zu verweisen.

Ulrike Hauffe, Landesfrauenbeauftragte Bremens und aktiv im Arbeitskreis für Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF e.V.): „Die viel zu hohen Kaiserschnittraten sind deutliches Indiz dafür, wie sehr Schwangerschaft und Geburt heute als Risiko und zugleich als ein sich in den Klinikbetrieb einzuordnendes Geschehen gesehen werden. Schwangere aber sind keine Kranken, sondern Frauen, die Kinder zur Welt bringen. Dafür brauchen sie Zeit und Vertrauen in ihren Körper und dessen Fähigkeiten. Sie hier zu unterstützen kam in der Vergangenheit häufig zu kurz, zugunsten medizinischer Eingriffe, die nicht immer notwendig sind. Hier vollzieht sich gerade ein Richtungswechsel, ein neues Bewusstsein für den Wert der natürlichen Geburt entsteht.

Lifestyle-Geburt?

Dieses Bewusstsein grenzt sich ab von der zu einer „lifestyle-Maßnahme“ stilisierten Geburt, vorgelebt etwa von prominenten „Kaiserschnitt-Müttern“, wonach der „Wunsch-Kaiserschnitt“ als  gleichwertige Option neben der normalen Geburt und der  „moderne Weg“ zum Kind erscheint. Vielmehr wünscht sich der überwiegende Teil der Frauen eine normale Geburt und hat dazu auch die Kraft und Fähigkeit, wenn die äußeren Bedingungen dies zulassen.

 Ökonomisierung?

Nicht selten wird die deutliche Zunahme der Kaiserschnittrate auch als Ausdruck einer zunehmenden Ökonomisierung des Klinikbetriebes angesehen, da der Kaiserschnitt (geringfügig) besser vergütet wird. Diese Sichtweise hält Hans-Peter Beuthien, Geschäftsführer des Ev. Amalie Sieveking-Krankenhauses, für falsch: „Der personelle Aufwand bei einer Kaiserschnitt-Geburt ist höher als bei der natürlichen Geburt und überdies bleibt die Mutter anschließend länger in der Klinik, so dass der Klinik aus einer Sectio-OP kein finanzieller Vorteil erwächst.“  Allerdings betont auch Beuthien, dass die Arbeitsverdichtung in den Kliniken aufgrund des finanziellen Drucks deutlich zugenommen habe, so dass der Faktor „Zeit“ immer knapper werde. „Geburtshilfe braucht aber Zeit und die geben wir unserem Geburtsteam auch.“  Ebenfalls kritisch sieht Beuthien die in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Haftungsrisiken in der Geburtsmedizin, die für Kliniken mit Geburtshilfe eine zusätzliche enorme finanzielle Belastung darstellten.

Bundesweites Gemeinschaftsprojekt

Die Ausstellung „Kaiserschnitt  – Goldener Schnitt? Bilder rund um die Geburt“ basiert auf einer Kooperation des AKF e.V. sowie dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V. (GEDOK), die das Thema vor einem Jahr ausgeschrieben haben.  Monika Hahn, beteiligte Künstlerin aus Hamburg und Bundesfachbeirätin in der GEDOK: „Die Jury konnte im Sommer 2014 aus 90 Bewerbungen 26 künstlerische Interpretationen auswählen. Die meisten Künstlerinnen haben eigenes Erleben bildnerisch umgesetzt und interpretiert. Diese subjektive Sichtweise macht die Ausstellung so abwechslungsreich und interessant.“

Unterstützt wird die Ausstellung von der Stiftung „Zukunft Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus in den Walddörfern“ und dem „Freundes- und Fördererkreis Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus.“

Die Vernissage fand am 08.01.2014 um 18 Uhr im amalieFORUM Des Ev. Amalie Sieveking-Krankenhauses, Haselkamp 33 in 22359 Hamburg, statt. Die Ausstellung bis zum 25. Februar zu sehen sein, die nächste Station ist Berlin.

 Mitwirkende Künstlerinnen:

Carolin Beyer, Hamburg
Anna Broermann, Berlin
Karin Gralki, Berlin
Heike Gronemann-Evers, Berlin
Monika Hahn, Hamburg
Gundi Hakenjos, Freiburg
Sibylle Hauswaldt, Hamburg
Mariola Maria Hornung, Bonn
Gabriele Kaiser-Schanz, Essen
Emese Kazar, Bremen
Petra Lindenmeyer, Heidelberg
Brigitte Lingertat, Berlin
Hertha Miessner, München
Christiane Miklusz, Berlin
Anastasiya Nesterova, Münster
Rita Oerters, Emden
Andrea Rausch, Hamburg
Ulrike Rosenbach, Bonn
Anna Rossipau, Neuenhaus
Helga Santel, Leverkusen
Ute Scharrer, Hersbruck Franken
Katharina Schellenberger, München
Gertrud Schleising, Bremen
Claudia Speer, Berlin
Brigitte Stein, Frankfurt
Julia Ulrich, Dorfprozelten

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Pressemeldung des Ev. Amalie Sieveking-Krankenhauses (pdf)

 

11. Dezember 2014
von AKF
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Einladung zur Ausstellung “Kaiserschnitt — Goldener Schnitt?” in Hamburg 08.01. bis 25.02.2015

Ausstellung Kaiserschnitt - goldener SchnittDer Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF) lädt gemeinsam mit der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V. (GEDOK) ein zur Ausstellungseröffnung und Ausstellung “Kaiserschnitt — Goldener Schnitt?” im Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus in Hamburg.  

Die Ausstellung wurde im Rahmen der AKF-Kampagne zur Senkung der hohen Kaiserschnittraten in Deutschland gemeinsam konzipiert und soll Politik, Frauengesundheit und Kunst miteinander verknüpfen für Diskussionen um das essentielle Thema Kaiserschnitt. Aus rund 90 Bewerberinnen wurden von einer Jury 30 Künstlerinnen und ihre Werke ausgewählt. Die Künstlerinnen stellen beeindruckend eigene Erfahrungen und ihre Einstellungen zu Kaiserschnittgeburten, aber auch zur normalen Geburt dar. Sie vermitteln Informationen und persönliches Erleben und regen damit zur Auseinandersetzung und zu Diskussionen zum Thema an.

Die Ausstellung wird durch Informationstafeln und Materialien des AKF zur Kaiserschnittproblematik gerahmt.

Vernissage – Eröffnung der Ausstellung

08.01.2015, 18 Uhr im amalieForum 

Veranstaltungsort

Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus, Haselkamp 33, 22359 Hamburg.
Die Veranstaltung wird vom 08.01.2015 bis zum 25.92.2015 im amalieForum gezeigt.

Download

Einladungskarte mit Programm (pdf)
Ausstellungsplakat (pdf)

Viele weitere Informationsmaterialien zum Kaiserschnitt und zur Frauengesundheit unter www.akf-info.de

 

13. Oktober 2014
von AKF
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Rückblick auf den Fachtag: Zeit zu Handeln – Die Kaiserschnittrate senken – Die normale Geburt fördern

10603630_626562427459774_4703400684696384616_nEin Bericht zum Fachtag am 20.06.2014 “Zeit zu Handeln – Die Kaiserschnittrate senkden – Die normale Geburt fördern” kann hier online abgerufen werden. 160 Fachleute aus der Geburtshilfe und aus der Gesundheitspolitik trafen sich am 20. Juni 2014 zum Fachtag in den Räumen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in Berlin-Tiergarten. Erörtert werden sollten Konzepte, wie die Ausbildung der Geburtshelfer und –helferinnen und die ärztlichen Leitlinien zum Kaiserschnitt geändert sowie der Ökonomisierung der Geburtshilfe und den steigenden Haftpflichtprämien entgegengewirkt werden kann. Nach der Begrüßung durch die 1. Vorsitzende des AKF, Dr.med. Maria Beckermann, stellte die Diplom-Psychologin Colette Mergeay die Visionen des AKF zur Förderung der normalen Geburt vor. Die Geburt sei im medizinischen Kontext zum durchgeplanten, durchkontrollierten,
weil ” risikoreichen Herstellungsvorgang“ und aus der Schwangerschaft ein angstbesetzter Hindernislauf bis zur Geburt geworden. Mit dem Titel „Die normale Geburt fördern“ möchte der AKF das erfolgreich erprobte Geschehen der normalen Geburt als Muster, Maß und Norm der zunehmenden „Normalisierung“ der technisierten Geburt entgegenhalten. Der Kaiserschnitt solle das bleiben, was er ist: eine segensreiche Notlösung. Download der AKF-Zusammenfassung (pdf)

Interessant ist auch die Zusammenfassung des Zweiwochendienstes ZWD: Download des ZWD-Berichts (pdf)

Bildnachweis: ZWD – Wiedergabe an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung

 

10. Oktober 2014
von AKF
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Filmische Dokumention zum Kaiserschnitt (Julia Raunig)

Die Psychologin Julia Raunig aus Österreich hat sich mit dem Thema  psychische Auswirkungen des Kaiserschnitts im Rahmen einer ORF Dokumentation befasst: “Meine Narbe” heißt ihr Film zum Thema. In der Dokumentation berichten Mütter und Väter in sehr persönlichen Interviews über ihre Wahrnehmung dieser besonderen, in der Öffentlichkeit meist zu harmlos dargestellten Geburt. Zusätzlich kommen ExpertInnen zu Wort, die die Gründe für die hohe Kaiserschnittrate besprechen und ihre Meinung dazu äußern. Raunig wollte einen Film zu machen, der Frauen aufklärt und zeigt, dass viele Frauen nach einem Kaiserschnitt auch sehr belastet sein können. Sie will die Diskussion mit ihrer Dokumentation in die Öffentlichkeit bringen. Der Film soll noch im Jahr 2014 in Österreich gezeigt werden.

In kleinen Teasern kann man Ausschnitte bereits sehen:

Teaser 1

Weitere Filmausschnitte und Information unter:

Geyrhalterfilm und bei Facebook  … 

Kontakt zur Filmemacherin:
Mag.a Judith Raunig
Klinische- und Gesundheitspsychologin
Email: info@nach-dem-kaiserschnitt.at
Webseite: www.nach-dem-kaiserschnitt.at

 

18. August 2014
von AKF
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Kleine Anfrage der Partei die Linke zu Risiken der Kaiserschnitt-Entbindung

Mit den Risiken einer Kaiserschnitt-Entbindung befasste sich aktuell die Fraktion Die Linke in einer Kleinen Anfrage (18/2249). Diese Form der Entbindung erhalte zwar vielen Frauen und Kindern das Leben und die Gesundheit. Allerdings sollte ein Kaiserschnitt nur aus medizinischen Gründen vorgenommen werden, da der Eingriff im Vergleich zur Vaginalgeburt gesundheitliche Belastungen und Risiken für Mütter und Kinder bedeute, schreiben die Abgeordneten. Mit einer Kaiserschnittrate von rund 31,9 Prozent nehme Deutschland international einen vorderen Platz ein, während die Quote in Finnland und Schweden mit etwa 16,2 Prozent deutlich niedriger ausfalle. Zudem bestünden in Deutschland starke regionale Unterschiede hinsichtlich der Kaiserschnittrate. So komme Dresden auf eine Quote von 16,9 Prozent, der Kreis Landau in der Pfalz auf 50,7 Prozent. Die Fraktion will nun mehr wissen über die Hintergründe dieser Entwicklung. Wir warten gespannt auf die Antwort der Bundesregierung und werden berichten …

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Text der Kleinen Anfrage 18/2249
Antwort der Bundesregierung

Diskussion des AKF zur Kaiserschnitt-Kampagne auf Facebook …

14. März 2014
von AKF
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Fachtag: Zeit zu HANDELN – Senkung der Kaiserschnittrate – Förderung der normalen Geburt

 

Einladung zum Fachtag: Zeit zu HANDELN – Senkung der

Kaiserschnittrate – Förderung der normalen Geburt

Am 20. Juni 2014 wird der AKF in Berlin in den Räumen des Gemeinsamen Bundesausschuss den Fachtag “Zeit zu HANDELN – Senkung der Kaiserschnittrate – Förderung der normalen Geburt” durchführen. Wie der Titel des Fachtages bereits deutlich macht, geht es hier um die Entwicklung konkreter Konzepte und Maßnahmen.

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Programm zum Download (pdf)

Anmeldung per Email: fachtag-geburt@akf-info.de

27.01.2014

normale_geburtUnser Flyer “Informationen zur normalen Geburt” ist erschienen.

Der Flyer wurde gemeinsam mit dem Runden Tisch “Lebensphase Eltern werden” und der Gynäkologinnengruppe im Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft entwickelt und richtet sich an schwangere Frauen und an Frauen, die schwanger werden möchten. Er kann in Arztpraxen und Geburtshäusern ausgelegt und zur Verwendung bei der Arbeit im Gesundheitsbereich eingesetzt werden.

Bestellungen des Flyers sind gegen Portogebühren in der Geschäftsstelle des AKF möglich.

Download des Flyers (pdf)